Gesellschaftlicher Wohlstand im Wandel: Hat das BIP als Wohlfahrtsindikator ausgedient? « Green New Deal

Gesellschaftlicher Wohlstand im Wandel: Hat das BIP als Wohlfahrtsindikator ausgedient?

20. Dezember 2011,

Autor: Oliver Kossack, Grüne Hochschulgruppe Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

Bei der letzten Ausgabe der Ringvorlesung Nachhaltigkeit vor den Weihnachtsferien ging es am 13.12.um alternative Wachstums- und Wohlfahrtskonzepte. Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Roland Zieschank, der am Forschungszentrum Umweltpolitik an der FU Berlin zu neuen Indikatoren zur Messung von gesellschaftlicher Wohlfahrt forscht, gab dem hauptsächlich studentischen Publikum einen interessanten Einblick in seine aktuelle Forschung und sorgte somit auch für die direkte Verknüpfung von Forschung und Lehre, wie sie leider nicht immer stattfindet.

Zunächst verdeutlichte Zieschank, wie auch schon andere Referent_innen zuvor, warum das Bruttoinlandsprodukt (BIP) den Anforderungen zur Messung gesellschaftlichen Wohlstands nicht gerecht wird. So werden bei der nach wie vor tonangebenden Methode zur Messung gesellschaftlichen Wohlstands anhand des BIPs verschiedene Faktoren nicht berücksichtigt. Dazu zählen unter anderem die Zerstörung der Natur, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen (z.B. Überfischung) oder die Erzeugung von Wirtschaftswachstum auf Kosten von Menschen, die unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Auf diese Weise wird zwar Wachstum erzeugt, aber kein gesellschaftlicher Wohlstand, da die Kosten für die steigende Wirtschaftsleistung nur hinausgezögert werden, auf lange Sicht aber ein vielfaches betragen. Insgesamt kommt Zieschank deshalb zu dem Schluss, dass die heute dominierende BIP-fixierte Wohlfahrtsmessung nur zu einem illusionären Wohlstand führt.

Anschließend stellte Zieschank verschiedene Alternativen vor, die weltweit zur Messung gesellschaftlichen Wohlstands entwickelt wurden und nicht nur an der Wirtschaftsleistung orientiert sind. So hat beispielsweise das Königreich Bhutan schon in den 1970er Jahren begonnen, den Zustand der Nation anhand eines Glücksindexes zu messen, der subjektive Faktoren wie Gesundheit, das Vorhandensein von Freizeit oder Bildung ebenso einbezieht wie gesellschaftliche Phänomene, zu denen unter anderem ökologische und auch kulturelle Vielfalt oder sozialer Zusammenhalt zählen. Seit Einführung dieser Wohlstandsmessung fungiert der daraus resultierende Index der „Gross National Happiness“ als Rahmen für die langfristige Gesellschaftsentwicklung des Landes. Eine ähnliche Messung wurde auch im Jahr 2009 in Kanada vorgenommen, um den Zustand der dortigen Gesellschaft zu analysieren. Jedoch ist der politische Stellenwert der dortigen Ergebnisse bei weitem nicht so hoch wie in Bhutan.

Aber auch in Europa wurden die Schwächen des BIP erkannt, was ebenfalls zu alternativen Erhebungsmethoden des gesellschaftlichen Wohlstands führte. So setzten mehrere Staaten Kommissionen ein, die Methoden zur realistischeren Erfassung des nationalen Wohlstandsniveaus entwickeln sollten. Die französische Regierung beauftragte beispielsweise eine Kommission um die Nobelpreisträger Stiglitz und Sen, die in einem Report Alternativen vorlegte, die zwar die wirtschaftliche Dimension nicht ausklammerten, deren Einfluss aber deutlich relativierten und nicht ausschließlich auf die Produktion, sondern auch auf Konsumausgaben ausweiteten. In Großbritannien oder den USA wurden ebenfalls solche Kommissionen eingesetzt, die teilweise sehr fortschrittliche Lösungen vorschlugen. An dieser Stelle machte Zieschank aber deutlich, dass es bei der Umsetzung solcher Vorschläge letztendlich immer auch auf die Politik ankommt. Unter der Präsidentschaft von George W. Bush hat ein US-amerikanisches Institut bezeichnenderweise einen Bericht verfasst, der schon von vornherein allein für die nächste Regierung bestimmt war. Aber auch die britischen Tories lösten ein Gremium auf, dass für ihre Verhältnisse zu progressive Vorschläge in Sachen Nachhaltigkeit machte, indem es eine Abkehr von der Konsumgesellschaft forderte. In diesem Punkt sind die Regierungen von Bolivien und Ecuador mit ihrem Konzept „Buen Vivir“ einen Schritt voraus. Dieses in der Verfassung verankerte Gesellschaftsmodell grenzt sich bewusst vom westlichen Wachstumsideal ab und setzt auf ein Gleichgewicht der Menschen mit ihrer sozialen und ökologischen Umwelt, wobei auch spirituelle Traditionen der indigenen Bevölkerung eine Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund entwickeln nun Zieschank und seine Kolleg_innen im Auftrag der Bundesregierung einen nationalen Wohlfahrtsindex für Deutschland und versuchen, aus dem Potenzial der bisherigen Ansätze zu schöpfen. Anhand einer Vielzahl von Indikatoren wollen sie bestimmen, wie es um das Wohlfahrtsniveau der Bundesrepublik bestellt ist und wie sich dieses entwickelt. Die Entwicklung des Indikatorensystems ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Auf die Frage, wie die Indikatoren gewählt werden, führt Zieschank aus, dass nicht nach rein objektiven Kriterien vorgegangen wird. Der Variablenpool sei vielmehr eine Summe des aktuell besten Wissens. So können stets neue Indikatoren hinzukommen, wenn sich dafür eine gute Begründung findet. Ebenso kann eine Diskussion oder Anregung von außen dazu führen, dass bereits enthaltene Indikatoren gestrichen werden. Insgesamt wollen die Forscher_innen mit dem Wohlfahrtsindex zu einer Umorientierung in der Gesellschaft vom bloßen Wachstumsglauben hin zu einer Ausrichtung auf die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt beitragen, welche die Möglichkeiten zur Entfaltung ökologischen, sozialen und ökonomischen Kapitals bietet.

Auf Nachfrage deutete Zieschank auch an, dass dieses Projekt auf immer größeren Zuspruch trifft. So gibt es beispielsweise Überlegungen, den Index in einem Pilotprojekt in Schleswig-Holstein zu testen. Derartig aufgeschlossen ist die Politik allerdings nicht immer. Gefragt nach der Zukunft des nationalen Wohlfahrtsindexes und ähnlicher Messverfahren, antwortete Zieschank, dass es natürlich immer auf den Willen der Politik zur tatsächlichen Implementierung solcher Verfahren ankomme. Ist dieser nicht gegeben, verlieren sich auch innovative und zukunftsweisende Projekte im Nichts. So betont er weiterhin, dass weltweit nach wie vor die Mainstream-Diskussion um wirtschaftliches Wachstum dominiert, die Debatte über alternative Wohlfahtskonzepte aber deutlich wächst. Anders als in anderen Politikfeldern besteht jedoch eine große Resistenz des Mainstreams gegen neue Ideen, sodass sich diese Diskurse kaum befruchten, sondern nebeneinander existieren. Nichtsdestoweniger glaubt Zieschank, dass Deutschland auf einem guten Weg ist und die Staaten in absehbarer Zukunft einen Vorteil haben werden, die schon jetzt auf die Erforschung von Alternativen setzen. Denn die Notwendigkeit zur Veränderung dürfte allen schon bald klar werden.

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