Münsingen (5.6.2010)
Während auf der Schwäbischen Alb die Sonne vom Himmel knallte, versammelten sich etwa dreißig motivierte junge Menschen im Schwarzzelt des Aufstand-Festivals um über die Energiepotentiale derselben zu diskutieren. Den Desertec-Workshop leitete Ann-Kathrin Neureuther (MSc Development Studies und ehemalige Stipendiatin des Studienwerks der Heinrich Böll Stiftung); er fand im Rahmen des Jugendumweltfestivals „Aufstand“ der Naturschutzjugend Baden-Württemberg statt.
Die Desertec-Initiative: Wüstenstom für Europa
Dabei ging es um die Nachhaltigkeit der Desertec-Idee, deren Kern es ist, den Sonnenreichtum der Wüsten zur Energieversorgung Europas zu nutzen. „Nachhaltige Entwicklung“ scheint sich im Eiltempo zum neuen Schlagwort zu etablieren, ein Etikett mit dem – so scheint es – jedes neue wirtschaftliche Projekt, jedes neue politische Vorhaben versehen wird. Vielleicht das prominenteste der jüngst als „nachhaltig“ oder auch „zukunftsfähig“ charakterisierten Projekte ist die Desertec-Initiative, die in diesem Sinne unter anderem von greenpeace während ihrer Geburtstunde unterstützt wurde. Als Keimzelle der Desertec-Idee gilt der Club of Rome, der sich 2003 mit dem Hamburger Klimaschutzfond sowie dem Jordanischen Nationalen Energieforschungszentrum zusammen tat. Heute sind vor allen Dingen deutsche Unternehmen beteiligt, darunter Münchener Rück, Deutsche Bank, Siemens, ABB, E.On und RWE. Sie kooperieren mit Abengoa Solar, Cevital, HSN Nordbank, M+W Zander Holding, MAN Solar Millenium und Schott Solar.
Mit 3/1000 Wüstenfläche die Welt mit Energie versorgen
Das Desertec-Konzept beruht auf der Erkenntnis, dass nur 3/1000 der Wüstenfläche ausreichen würden, um den derzeitigen globalen Energiebedarf von 18.000 Terawattstunden pro Jahr zu decken. Gleichsam empfangen alle Wüsten der Erde in weniger als sechs Stunden soviel Energie, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Zur Umsetzung dieser Idee verlässt sich Desertec auf eine technische Doppelstrategie: zur Stromgewinnung in der Sahara sollen solarthermische Kraftwerke dienen, zur Übertragung des Stroms Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ-Leitungen). Auf diese Weise sollen bis 2050 17% des EU-Strombedarfs gedeckt werden.
Wie nachhaltig ist Desertec?
Nach einer kurzen Einführung in das Konzept der Desertec-Initiative, die dahinter stehenden Akteure, die geographische Ausdehnung sowie die Theorie der Nachhaltigkeit bekamen die Teilnehmer_innen (eine bunte Mischung von 14 bis 28jährigen) die Möglichkeit, in Kleingruppen darüber zu diskutieren, wie nachhaltig Desertec im Hinblick auf ökonomische, ökologische und soziale Kriterien wirklich ist. Jede Gruppe fand nach einem kurzen Brainstorming und einer offenen Plenumsdiskussion sowohl positive wie auch negative Dimensionen von Desertec im Hinblick auf Nachhaltigkeit. So kritisierte ein Teilnehmer, der sich in seiner Studiumsabschlussarbeit mit regenerativen Energien beschäftigt, dass die Ökobilanz des Projekts nicht ausreichend durchdacht ist: der immense Materialverbrauch des Megaprojekts schien ihm nicht gerade nachhaltig, auch wenn bei der Stromgewinnung selbst kein CO2 ausgestoßen wird. Andere legten ihren Fokus besonders auf die soziale Dimension und bemängelten die geringe Souveränität der Erzeugerstaaten sowie das Risiko eines solaren Ressourcenfluchs (der empirische Zusammenhang zwischen Ressourcenreichtum und gesellschaftlichen Konflikten bis hin zum Bürgerkrieg).
Positive Grundstimmung
Dennoch war die Gesamtstimmung in der Gruppe alles andere als pessimistisch. Der Tenor war, dass die Grundidee nicht unbedingt konträr zu Zielen der Nachhaltigkeit verläuft, dass aber die politischen Rahmenbedingungen – auch hinsichtlich der Nordafrikanischen Länder – letztendlich über Gelingen oder Scheitern des Megaprojekts der deutschen Industrie entscheiden werden.
Als die Teilnehmer_innen schließlich das Zelt verließen, war zumindest auf der Schwäbischen Alb auch schon weniger von der Kraft der Sonne zu spüren.
Ein Artikel von Ann-Kathrin Neureuther