Vom Glück

Das durchschnittliche Glücksempfinden bzw. die Zufriedenheit der Menschen in entwickelten Ländern nimmt schon lange nicht mehr zu, obwohl sich die durchschnittlichen Einkommen mit dem Wirtschaftswachstum stets weiter erhöhen. Mathias Binswanger belegte diese These zu Beginn der Tagung mit empirischen Studien für die westliche Welt: die Grenze für den Zusammenhang von Glück und Geld liegt bei einem Jahreseinkommen von etwa 20.000 € (netto). Danach heißt mehr Netto nicht mehr Glücksempfinden.
Im Gegenteil: Viele Menschen streben generell nach einem immer höheren Einkommen, machen freiwillig Überstunden. Sie können sich damit immer mehr Produkte und Dienstleistungen kaufen. Dabei sind es nichtkäufliche Faktoren wie Liebe, Erfolg, Gesundheit oder Schönheit, die das Glücksempfinden und die Zufriedenheit steigern, wie Studien belegen. Die Werbung präsentiert ständig Menschen, die dank neuer Produkte, Seminare, Kurse oder Diäten liebesfähiger, erfolgreicher, schöner und gesünder werden. Die damit geweckten hohen Erwartungen setzten viele unter zusätzlichen Erfolgs- und Leistungsdruck.
Das empfundene Glück ist also nicht allein an wirtschaftlichen Erfolg oder gar ein wachsendes Einkommen geknüpft. Folgt daraus: weniger Geld, weniger Stress, weniger Leistungsdruck führen zu mehr Glück? Weniger ist mehr!
Postwachstumsgesellschaft
Was bedeutet das für unsere auf Wachstum setzende Ökonomie? Brauchen wir ein Wirtschaftswachstum, um der Bevölkerung zu mehr Glück und Zufriedenheit zu verhelfen? Ist mit Wirtschaftswachstum die ökologische Wende und Reduzierung der Treibhausgase möglich?
Jan Priewe, Prof. an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, widerspricht der Schlussfolgerung „weniger ist mehr!“ in Bezug auf das Wachstum. Das Bruttosozialprodukt (BIP) als Indikator für Wachstum, gibt den Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen an, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums innerhalb der Volkswirtschaft hergestellt werden und dem Verbrauch zur Verfügung stehen. Es sagt nichts über die Verteilung von Einkommen oder Arbeitsleistung aus. Damit ist es kein Maß für Wohlstand oder Glück.
Es gilt vielmehr darüber nachzudenken, wie möglichst viele an der wirtschaftlichen Produktion partizipieren können, um ihnen ein geregeltes Einkommen zu geben. Bei einer Stagnation des BIP, also einem „Nullwachstum”, ist die Teilhabe an der wirtschaftlichen Produktion nur durch Umverteilung von Arbeit oder Einkommen möglich. Bei steigender Arbeitsproduktivität wird erwartet, dass ein größerer Anteil der Bevölkerung in Lohn und Brot kommt.
Ein steigendes BIP verspricht zudem steigende Steuereinnahmen, die u.a. den wohlfahrts- und sozialstaatlichen Leistungen zur Verfügung stehen.
Fazit: Es gibt keine ernsthafte Alternative zum Wachstum. Die Frage ist vielmehr, wie ein Wachstum erreicht werden kann, das soziale und ökologische Qualitäten berücksichtigt und die nationale Verteilung der Arbeit und des Einkommens zum Ausdruck bringt.
Die Europäische Union muss bis 2050 ihre CO2-Emissionen um 80 bis 90 Prozent senken. Es sei “unplausibel”, dieses Ziel “auf steigendem Wachstumspfad” zu erreichen, meint Wolfgang Sachs, Wissenschaftler am Wuppertalinstitut für Klima, Umwelt und Energie. Ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent pro Jahr führt in 40 Jahren zu einer Verdoppelung der Emissionen, rechnet er vor. Auch Effizienzsteigerungen helfen da wenig: “Natürlich werden wir immer effizienter, aber es entstehen indirekte und direkte Rebound-Effekte.” Das bedeutet, dass die Einsparungen, die durch Effizienz erreicht werden, durch einen höheren Verbrauch kompensiert werden. Sachs verdeutlicht dies am Auto: “Wenn mein Auto weniger Benzin verbraucht, kann ich mir leisten, mehr Kilometer zu fahren.” Was im Kleinen gilt, lässt sich auch auf das Große übertragen: Unternehmen, die durch Effizienzsteigerungen Kapital einsparen, geben es für andere Dinge aus. Daher müsse man “skeptisch gegenüber der Effizienz-Rhetorik” sein
Es gibt verschiedene Aspekte, warum Wirtschaftswachstum problematisch ist. Ganz zentral ist der ökologische Aspekt, meint Matthias Schmelzer vom Attac Koordinierungskreis. Die CO2-Reduktion ist mit wachsendem Bruttosozialprodukt nicht möglich. Die derzeitigen technischen Innovationen reichen bei Weitem nicht aus, um eine derartige Reduktion des CO2-Ausstoßes bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Wenn wir bis 2050 eine Wirtschaft wollen, die ein gerechtes Leben für alle Menschen auf diesem Planeten ermöglicht, müssen wir jetzt damit anfangen, emanzipatorische Konzepte für eine Ökonomie jenseits des Wachstums zu entwickeln.
Nullwachstum und Innovation
Können Unternehmen unter den Bedingungen eines Nullwachstums überleben? Dazu waren Hannes Koch, Wirtschaftsjournalist, und Rainer Knoll, mittelständischer Unternehmer aus Bremen, in Teilen unterschiedlicher Meinung.
Aktiengeführte Unternehmen streben nach Wachstum und Gewinnsteigerungen. Sie sind den Aktionären gegenüber verpflichtet, deren Kapital zu vermehren. Für die meisten Personenunternehmen stellte ein Nullwachstum kein Problem dar. Nicht das Wachstum ist entscheidend für die Sicherung des Unternehmens sondern die Innovationsfähigkeit, waren sich Koch und Knoll einig.
Dennoch ist die Frage zu klären, wie die Innovation finanziert wird. Forschung, die Weiterentwicklung technischer Anlagen und die Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Kosten, die berücksichtigt werden müssen. Sie gehören in die kaufmännische Kalkulation, benötigen aber keineswegs immer neues Wachstum.
Zur Tagung wurden zahlreiche mittelständische Unternehmen vorgestellt, die nach sozial-ökologischen Maßstäben wirtschaften. Dazu gehörte auch das Wirtschaftsmagazin „Enorm – Wirtschaft für den Menschen“. Es widmet sich “der laufenden Debatte um eine moderne, sozial und ökologisch nachhaltige Ökonomie”. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen dabei Macher, Projekte und Unternehmen, die sich Social-Business-Modellen und ethischem Wirtschaften verpflichtet fühlen. Ein Beitrag, Glück und Arbeit auch in wirtschaftlichen und ökologischen Krisenzeiten zusammenzubringen.